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Ist China endlich gut? Der Retroid Pocket 2

Hey, Leute. Seit Jahren überlege ich schon einen Emulationshandheld zu basteln oder zu kaufen, da bestimmte alte Systeme zwar original am Fernseher stehen, ich jedoch öfter mal lange Bahnreisen oder einfach nur langweilige Mittagspause vor mir habe. Und immer wieder habe ich das Thema aufgeschoben.

Zumindest, bis ich vor kurzem den Retroid Pocket 2 entdeckte. Dieser neueste, Android-basierte Handheld versprach sogar Dreamcast, N64 (welches notorisch schlecht auf solchen Handhelds lief), Nintendo DS und PSP-Support. Zudem überzeugten einige Retro-Designs und… die verlängerten Schulterbutton statt dem seltsamen „nebeneinander“-Design der meisten China-Handhelds. Also schlug ich ausnahmsweise einmal zu. Besitzen tue ich das Gerät nun seit dem 08.09.2020 und dies ist eine Art Erfahrungsbericht, den ihr so eben NICHT auf Youtube bekommt.

Ungeschönt.

Hab grad keinen Zugriff auf eine Kamera, hier ein Bild des gelben Retroid Pocket 2 von Retro Dodo

Eine MISERABLE „Out of the Box“-Erfahrung

Der erste Start des Systems war dabei vermutlich das schlimmste Gaming-Erlebnis, dass ich jemals mitmachen musste. Der zweite Analogstick (ein „digitaler“ und daher kein echter) erwies sich sofort als absolut untauglich für IRGENDWAS. Ja, die restliche Verarbeitung war super, der Screen war scharf und die Buttons fühlten sich clicky, aber gut an. Das DPAD war etwas steif, aber wer keine Probleme mit dem FAT DS oder einem GBA SP hatte, der wird hier auch keine Probleme haben. Dann startete ich meine ersten Spiele… über die integrierte hauseigene RETROID-App… und bekam die vermutlich schlechteste Emulationsqualität, die ich JEMALS erleben durfte. Obwohl der Screen viele Systeme mit einer exakten Skalierung darstellen können sollte waren die Spiele meist verschwommen, ruckelig, hatten Soundfehler und laggten spürbar. NES fühlte sich an, wie die billigsten Famicomklone der letzten Jahre. PS1 liefen nur wenige Titel. Dreamcast und N64 waren unspielbar. PSP sehr Hit or Miss und selbst simplere Systeme, wie der GBA liefen grauenhaft.

80 Euro für die Katz also? Nun… nicht ganz. Denn, wie sich herausstellte, war der Retroid Pocket 2 sehr wohl dazu in der Lage so schön und flüssig Spiele darzustellen, wie Youtubevideos bekannter Handheld-Chinasysteme uns das zeigten. Man benötigte nur… eine Menge Geduld.

Das „Okay“-aussehende Menü der RETROID-App ist die schlechteste Art und Weise Spiele auf diesem Gerät zu spielen!

Android – die größte Stärke aber auch Schwäche

Glücklicherweise läuft auf dem Retroid nämlich ANDROID und auch, wenn es nur ein altes 6er-Android ist, so bedeutet dies die Option nicht funktionierende Systeme durch andere zu ersetzen. Das vorinstallierte RetroArch an sich aber ist bereits ausreichend um viele spaßige Titel genießen zu können. Und nach einem ordentlichen SETUP – d.h. die korrekten Bios-Dateien im korrekten Ordner kopiert, die Grafikeinstellungen gefixed (Bilineare Filterung AUS und Integer Scale AN) und natürlich die korrekten Emulationskerne (CORES) gedownloadet – konnte ich zumindest eine große Anzahl an Systemen sehr gut spielen.

Ein reines Setup brachte folgende Systeme zumindest mal auf „Spielbar“: Atari 2600, Atari 7800, Lynx, Colecovision, Famicom Disc System, Vectrex, Gameboy / Color, Intellivision, MSX 1 + 2, Neo Geo, Neo Geo Pocket / Color, NES, Virtual Boy, Odyssey2, PS1, 32X, Mega CD, Game Gear, Mega Drive, Master System, SG-1000, SNES, PCEngine/Turbografx + CD, Wonderswan / Color

Eine schöne Auswahl Systeme, aber ihr seht da einige Lücken drin. Und da hat Android den Vorteil externe Emulatoren anbieten zu können – teils kostenlos, wie das fantastische ScummVM oder Mupen64FZ, andere dagegen nur gegen Aufpreis, wie DRASTIC für Nintendo DS. Diese externen Emulatoren bedeuteten natürlich eine Menge neuer Konfigurationen und Problemchen. Undokumentierte Vorraussetzungen für die Bereitstellung des Bios, schlechte Menüs oder fehlende Unterstützung der RP2 Buttons waren fast allgegenwärtig. Aber Stück für Stück ließen sich die Fehler ausbügeln. D.h. während die externen Apps alle wirklich notwendig waren, selbst wenn RetroArch „Cores“ für die Systeme hatte, so waren sie nicht alle die perfekte Lösung. ScummVM fixte zumindest die DOS-Adventures, Magic DOSBOX ist jedoch steuerungstechnisch eine Katastrophe und die Performance… ist eher meh. MAME ist und bleibt MAME und der Erfolg hängt auch davon ab, ob man die richtige Rom für die richtige Emulatorversion hat. Sehr nervig. Aber hey, MY BOY fixte endlich den GBA. Das war doch mal was!

D.h. wirklich spielbar wurden dank der externen Emulatoren SCUMMVM, GBA, einige MAME (inklusive einer Hand voll Cave-Shooter) und Commodore 64. N64, PSP und Dreamcast blieben jedoch sehr HIT OR MISS. N64 läuft dabei mit dem richtigen Profil eigentlich noch ganz okay. Wer Mario oder Zelda spielen will, der kann das. Weniger beliebte Titel, wie Harvest Moon 64 bleiben jedoch unspielbar. Beim PSP ruckelten viele Spiele ebenfalls unspielbar stark… während eine Hand voll dagegen absolut perfekt liefen. Wer unbedingt Persona 3 Portable oder die Ys-Teile auf dem PSP – inklusive dem 3D-Ys-Teil „Ys Seven“ – spielen will… der kann das mit einer fast perfekten Framerate, die nur hin und wieder etwas vom Idealpunkt abweicht.

Dreamcast dagegen… Der Emulator war wohl der nervigste von allen und das Endergebnis war… dass manche Spiele langsam in einen Bereich kamen, bei dem man die Grafikfehler oder die Framerate tolerieren kann. Eine tolle Erfahrung ist er nicht, wobei ihr bei 2D Spielen noch die beste Erfahrung habt. Auch ein Shenmue lief… fast schon spielbar. Alle anderen Spiele, die ich besaß… liefen maximal mit 50% der eigentlichen Ziel-Framerate.

Aber nach dem Setup all dieser Systeme wurde die größe Schwäche des Systems erst wirklich deutlich.

Its just ANDROID… und kommt zudem mit einigen guten, aber auch einigen total kaputten Emulatoren. ScummVM ist perfekt… aber defekt in der vorinstallierten Version.

The Tinkerers Dream

Man erreicht standardmäßig einfach keinen „Plug and Play“-Zustand. Das Erlebnis von stets anders funktionierenden Emulatoren und dem Androidmenü lässt das System mehr, wie ein billiges Handy, als wie eine nette Handheldkonsole erscheinen. Zumindest an diesem Punkt. Die Retroid App zeigte zwar ein „Okay“-Menü, aber die startenden Emulatoren sahen beschissen aus und liefen miserabel und die reguläre Erfahrung fühlte sich halt sehr… blöd an.

Glücklicherweise gibt es aber FRONTENDs für Android und eines davon war sogar vorinstalliert: DIG. Eine kurze Suche nach einem hübschen Theme brachte auch schnelle Ergebnisse. Viele Cover wurden erkannt, viele Systeme mit korrekten Emulatoren verknüpft (man kann sogar bestimmte Emulatoren für Einzeltitel einstellen, sehr praktisch bei MAME) und… äh… da stehe ich seit ungefähr 4 Tagen. Denn, wie der Retroid Pocket 2 selbst ist hier viel Handarbeit gefragt. Sei es, weil man ein Faible für obskure Systeme hat (Hallo PC9801, dass FAST gut genug läuft und tatsächlich durch RUSTY durchzuspielen) oder weil das Erlebnis dieses FrontEnds einfach zu nahe am gewünschten PLUG AND PLAY ist, um die letzten Problemchen noch zu ignorieren.

Wer diese Route gehen will, hier ein Tipp um DIG ordentlich zu, Laufen zu bekommen:

– Einige Custom-Cover sind ein Muss, da die App aus seltsamen Gründen die meisten obskuren Titel kennt, aber nicht die bekanntesten Spiele der Welt. Tetris für den Game Boy? Super Mario Bros 3 für den NES? Breath of Fire 2 auf dem Super Nintendo? Kennt es irgendwie alle… nicht! O_o

– Bearbeitet die gedownloadeten THEMES! Die meisten von ihnen sind für 1080/1440p-Smartphones gebaut worden. Der Retroid Pocket 2 hat eine Auflösung von 640x480px. Eine Reduzierung auf diese Größe hat keinen sichtbaren Qualitätsverlust auf dem Handheldscreen selbst zur Folge, lässt den RP2 die Dateien aber WESENTLICH schneller laden. Das gleiche gilt beim Coverdownload. Kleine Größen REICHEN hier aus!

Und am Ende… hat man dann auch das, was andere Linux-basierte Handhelds auch haben. Ein hübsches Menü mit einer hübschen Liste voller hübscher Spiele, die alle mit einem Klick starten, ohne dass man ständig umständlich durch ein für Touchscreen optimiertes System auf einem Non-Touch-Device navigieren muss.

Ein paar abfotografierte Beispiele von vor einigen Tagen, als ich noch eine Kamera hatte, zeigen, wie ein modifiziertes System nach vielen Stunden Arbeit aussehen KANN.

War der RP2 seine 80 Euro also wert?

Um ehrlich zu sein… ja. Aber nur, wenn man bereit ist daran herumzubasteln. Mein eigenes Theme zu erstellen, obskurere Systeme zum Laufen zu bekommen und alles zu konfigurieren war aufwendig, oft sogar auch nervig und hat mich eine gute Woche meiner eh geringen Freizeit gekostet. Aber jetzt habe ich ein Gerät, dass Spaß macht. Dass man einschalten kann (DIG startet nach einigen Sekunden automatisch) und bei dem man einfach nur zocken kann. Es ist jedoch nicht für Leute, die keine Ahnung von Emulation, Retroarch und Co haben. Und es ist definitiv auch nichts für Leute, die PSP, Dreamcast und N64 spielen wollen. Diese Systeme sind zwar verfügbar, doch wer auf sie baut, der wird stark enttäuscht werden. Man sollte sie lieber als Bonus sehen. Als ein paar Extra-Titel zu einer guten Performance für alles, was darunter ist. Gerade Playstation 1 (welche fast nie den schrecklichen zweiten Analogstick benötigt) ist ein Traum auf diesem Gerät. Zumindest in der nativen Auflösung.

Und genau das möchte ich hier am Ende positiv noch hinstellen: Spiele auf einem LCD sehen am besten aus, wenn die Spiele in einer pixelperfekten Skalierung (bzw nativ) laufen können. Und die 640x480px hier klingen zwar wenig, sind aber perfekt für einen 2X Scale vieler Konsolensysteme und die einzigen Systeme, bei denen man wirklich nur unebene Skalierung oder dicke Ränder haben kann sind Vectrex, Wonderswan (da beide hochkant auf seitlich liegendem Display) und der GBA.

Wer das Gerät mal in Aktion sehen möchte… TAKI hat ein Review vor einigen Tagen veröffentlicht (englisch!). Bedenkt nur bitte, dass TAKI jemand ist, der direkte Beziehungen zu den Entwicklern unterhält und die Systeme stets besser hinstellt, als sie wirklich sind!

Takis Video ist ein netter Anhaltspunkt, ignoriert aber einige Probleme. Es ist mehr oder wenige ein „So kann das System nach einigen Wochen Tinkering sein!“-Video.